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Hochmittelalterliche Ostsiedlung
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Der Begriff der Hochmittelalterlichen Ostsiedlung beziehungsweise des mittelalterlichen Landesausbaus (auch Deutsche Ostsiedlung oder einfach Ostsiedlung) bezeichnet die Einwanderung ĂŒberwiegend deutschsprachiger Siedler in die östlichen Randgebiete des Heiligen Römischen Reiches wĂ€hrend des Hochmittelalters und die damit einhergehenden VerĂ€nderungen der Siedlungs- und Rechtsstrukturen in den Einwanderungsgebieten. Bei diesen handelt es sich um die seit etwa dem Jahr 1000 ĂŒberwiegend slawisch und teilweise baltisch bewohnten Gebiete östlich von Saale und Elbe sowie in Niederösterreich, der Steiermark und in KĂ€rnten bis hin ins Baltikum, nach Böhmen, Polen (Oberschlesien, Pommern, Pommerellen, Ermland, Masuren und Weichseldelta), Ungarn mit heutigem RumĂ€nien (SiebenbĂŒrgen) und der Slowakei (besonders die Zips und Hauerland), vorĂŒbergehend auch bis ins FĂŒrstentum Moldau (Westmoldau und Bukowina) bzw. in die Walachei (GroĂe Walachei und Kleine Walachei).cite-ref-1[1] Die wissenschaftliche Fachliteratur verwendet fĂŒr den Vorgang seit den 1970er Jahren zunehmend den Begriff Hochmittelalterlicher Landesausbau und bezeichnet das Siedlungsgebiet als Germania Slavica (âHochmittelalterlicher Landesausbau in der Germania Slavicaâ). In der MediĂ€vistik wird der frĂŒher oft benutzte Begriff Deutsche Ostkolonisation seit Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund der sprachlichen NĂ€he zum Kolonialismus der Neuzeit kaum noch verwendet.cite-ref-2[2]
In dem rĂ€umlich nicht klar einzugrenzenden Einwanderungsgebiet wurden StĂ€dte und Kolonistendörfer meistens nach Magdeburger Recht und seinen Varianten Neumarkter Recht und Kulmer Recht, nahe der Ostsee auch nach LĂŒbecker Recht und im heutigen West- und SĂŒd-Tschechien, Ost-Ăsterreich, Slowenien und einigen Regionen des damaligen Ungarn auch nach NĂŒrnberger Recht und anderen sĂŒddeutschen Rechtsvorbildern, angelegt sowie bestehende Dörfer und frĂŒhstĂ€dtische Siedlungen erweitert und umstrukturiert. In den reichsnahen ehemaligen Marken, dem sĂŒdlichen Ostseeraum und Schlesien wurde die westslawische Vorbevölkerung bis auf wenige Enklaven assimiliert. In Polen, teilweise aber auch in der Oberlausitz, gingen die deutschsprachigen Neusiedler in der slawischen Mehrheitsbevölkerung auf und die nicht-deutsche Bevölkerung ĂŒbernahm die âdeutschrechtlicheâ Umstrukturierung. In den Regionen zwischen Elbe und Oder sowie im Baltikum trug der Prozess gerade zu Anfang bis etwa 1150 ZĂŒge einer Eroberung und gewaltsamen Missionierung; andernorts zeichnete sich durch die Initiative einheimischer Grundherren eine eher friedliche Besiedlung ab.
Neue Siedler- und Bauernstellen aufgrund des Bevölkerungswachstums im Altsiedelland entstanden nach einer FrĂŒhphase seit dem 7. Jahrhundert, verstĂ€rkt ab der Mitte des 10. Jahrhunderts, zunĂ€chst in Katalonien und wurden bis nach Osteuropa vorgeschoben.cite-ref-irgang-3-0[3] Die Siedlungsbewegung hat UrsprĂŒnge im FrĂŒhmittelalter, doch erst seit Mitte des 12. Jahrhunderts (im Hochmittelalter) kam es zu gröĂeren, wenn auch nicht quantifizierbaren Siedlungsbewegungen von West nach Ost. Die rein politische Expansion zuvor, ohne nennenswerte Ansiedlungen östlich von Elbe und Saale, ist daher nur bedingt der Ostsiedlung zuzurechnen. Gegen Anfang des 14. Jahrhunderts (im frĂŒhen SpĂ€tmittelalter) kann der Prozess als beendet betrachtet werden. Die Ostsiedlung fand somit hauptsĂ€chlich im Hochmittelalter statt. Sie wird, beginnend ab den 1980er Jahren, als Teil eines gesamteuropĂ€ischen Intensivierungsvorgangs aus den karolingisch-angelsĂ€chsischen KernlĂ€ndern bis in die Peripherie des Kontinents verstanden.cite-ref-4[4] Die ethnischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen sowie wirtschaftlichen VerĂ€nderungen durch die Ostsiedlung prĂ€gten die Geschichte Ostmitteleuropas zwischen Ostsee und Karpaten bis mindestens ins 20. Jahrhundert. Mit dem Versailler Vertrag von 1919 nach Ende des Ersten Weltkrieges und insbesondere 1945 nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Hochmittelalterliche Ostsiedlung (auch Deutsche Ostkolonisation genannt) zum GroĂteil rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Lediglich die Ă€ltesten Kolonisationsgebiete aus dem 12. und frĂŒhen 13. Jahrhundert blieben deutschsprachig.
Contents
⹠Bevölkerung
âą Sprachaustausch
âą Techniktransfer
âą Architektur
âą Endpunkte
âą Nachwirkungen
âą Literatur
âą Weblinks
âą Anmerkungen
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Rahmenbedingungen
Eine historisch-politische Ereignisgeschichte vor Einsetzen der Siedlungsbewegung ist nur in Verbindung mit den strukturellen Vorbedingungen der deutschen Ostsiedlung zu sehen. Zusammen bilden sie die Rahmenbedingungen des beschriebenen historischen Prozesses.
Historisch-politische Vorgeschichte
Da der Prozess der Ostsiedlung auĂerhalb des Baltikums nur in seiner FrĂŒhphase mit militĂ€risch-politischen Eroberungen verbunden war und in aller Regel auf Initiative auch der slawischen Landesherren, nicht aber der römisch-deutschen Könige erfolgte, ist eine chronologische, an Ereignissen orientierte Gesamtdarstellung wenig sinnvoll und auch kaum möglich. Allerdings existiert bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts eine chronologische Reihe von Entwicklungen, die den Hintergrund vor dem eigentlichen Einsetzen der Siedlungsbewegung bildet.
10. und 11. Jahrhundert
Unter den Ottonen und Saliern wurden UnterwerfungsfeldzĂŒge jenseits der östlichen Reichsgrenzen gefĂŒhrt. Diese fanden in einem Gebiet statt, das im Westen etwa durch die Linie Elbe-Saale-Naab und im Osten durch Oder, Bober, Queis und Moldau begrenzt wird. In den eroberten Gebieten richtete man Grenzmarken ein. Burgen wurden besetzt oder neu errichtet; sie dienten der militĂ€rischen Kontrolle und der Eintreibung von Tributen. Ein Zuzug von Neusiedlern blieb aber aus. Diese Phase ist daher treffender als Ostexpansion (statt Ostsiedlung) zu bezeichnen. Die Christianisierung beschrĂ€nkte sich auf massenhafte Zwangstaufen und die Errichtung von MissionsbistĂŒmern wie Oldenburg, Brandenburg oder Havelberg. Die Entwicklung eines Pfarrkirchensystems erfolgte erst mit der Ansiedlung deutscher Kolonisten ab der 2. HĂ€lfte des 12. Jahrhunderts.
Allerdings ging immer wieder die Kontrolle ĂŒber bereits eroberte Gebiete verloren. Besonders gravierende Folgen hatten der Slawenaufstand von 983 und eine Erhebung der Abodriten ab 1066. AuĂerdem gerieten die deutschen Herrscher im Gebiet zwischen Elbe und Oder zunehmend in Konkurrenz mit den FĂŒrsten von Polen, die ebenfalls ein starkes Interesse an der Unterwerfung und Eroberung der wendischen Gebiete hatten. Besonders erfolgreich war dabei der erste polnische König Boleslaw I. Chrobry.
Das Evangeliar Ottos III. zeigt vier Frauengestalten, die dem Kaiser huldigen, darunter erstmals auch Sclavinia, der slawische Teil Europas.
Ab dem 12. Jahrhundert
Ein erster Ansatz zur Besiedlung des Landes östlich der Saale findet sich in dem umstrittenen Aufruf zum Kampf gegen die Wenden (epistola pro auxilio adversus paganos slavos, 1108), der vermutlich aus dem Magdeburger Raum stammte und den Kreuzzug gegen die Heiden erstmals mit der Aussicht auf lohnende Landgewinne fĂŒr Neusiedler verband. Allerdings blieb der Aufruf ohne erkennbare Wirkung; weder erfolgten KriegszĂŒge gegen die Wenden noch eine Besiedlung ihrer Gebiete. Seit 1124 kam es zu ersten Ansiedlungen von Flamen und NiederlĂ€ndern in Norddeutschland bis zur Eider. Darauf folgte die Eroberung des Landes der Wagrier (Abodriten) durch die Holsten beziehungsweise Holsteiner, Stormarner und Dithmarscher 1139, die GrĂŒndung LĂŒbecks 1143 und der Aufruf von Graf Adolf II. von Schauenburg zur Besiedlung Ostholsteins im gleichen Jahr. Eine bedeutende Etappe war der militĂ€risch nur bedingt erfolgreiche Wendenkreuzzug von 1147, ein Nebenunternehmen des Zweiten Kreuzzugs. Ihm folgte 1157 die Eroberung der Mark Brandenburg durch Albrecht den BĂ€ren, den ersten Markgrafen von Brandenburg. Im 12. Jahrhundert wurde auch die Mark MeiĂen (das spĂ€tere KurfĂŒrstentum Sachsen) von Deutschen besiedelt. Ein weiteres Siedlungsgebiet entstand in SiebenbĂŒrgen. Vom ausgehenden 12. Jahrhundert an wurden in Pommern, der Mark Brandenburg, Schlesien, Böhmen, MĂ€hren (spĂ€ter Deutsch-Böhmen und Deutsch-MĂ€hren bzw. Sudetenland) und den östlichen Gebieten Ăsterreichs Klöster und StĂ€dte angelegt. Im Baltikum wurde im beginnenden 13. Jahrhundert von den Deutschordensrittern ein eigener Ordensstaat gegrĂŒndet.
Gesellschaftlicher, demographischer und rechtlicher Rahmen
Die politischen Ereignisse fanden vor dem Hintergrund einer starken Bevölkerungszunahme ganz Europas im Hochmittelalter statt, die weder durch GrĂŒndung zahlreicher StĂ€dte noch durch Intensivierung der bestehenden SiedlungsflĂ€chen aufgefangen werden konnte. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert hatte die Bevölkerung in Deutschland von etwa vier auf 12 Millionen zugenommen. In dieser Zeit wurde das Ackerland zunĂ€chst auf Kosten der bis dahin noch anders genutzten FlĂ€chen und der Waldareale ausgeweitet.cite-ref-5[5] Die sogenannte Binnenkolonisation in den Altsiedelgebieten, z. B. im Odenwald, reichte jedoch nicht aus. Weitere Faktoren waren laut Robert Bartlett ein Ăberschuss an nicht erbberechtigtem Nachwuchs des Adels, dem nach dem Erfolg des Ersten Kreuzzugs die Chancen zum Erwerb neuer LĂ€ndereien nicht nur im Heiligen Land, sondern auch in den Peripherieregionen Europas deutlich vor Augen stand. Hinzu kamen die Auflösungserscheinungen der Villikationsverfassung, die eine höhere MobilitĂ€t der Bevölkerung ermöglichte, sowie ein steigender Abgabendruck auf die Bauern.
NatĂŒrliche, technische und agrarische Rahmenbedingungen
Seit ungefĂ€hr dem 11. Jahrhundert ist fĂŒr Mitteleuropa eine KlimaverĂ€nderung zu beobachten, die fĂŒr durchschnittlich höhere Temperaturen sorgte und als Mittelalterliche Warmzeit bekannt ist. Hinzu kam der technische Fortschritt etwa durch MĂŒhlenbau, Dreifelderwirtschaft und vermehrten Getreideanbau (Vergetreidung). Alle diese Faktoren begĂŒnstigten den oben erwĂ€hnten Bevölkerungsanstieg und machten die ErschlieĂung neuer AnbauflĂ€chen attraktiv, wozu auch die Siedlungskonzentration durch Verdorfung gehörte.
Aspekte der Ostsiedlung
In diesem Abschnitt werden Elemente des hochmittelalterlichen Landesausbaus vorgestellt, die sich in allen betroffenen Gebieten der Germania Slavica, des Baltikums sowie Ostmittel- wie SĂŒdosteuropas finden lassen. Sie können als charakteristisch fĂŒr den Vorgang der deutschen Ostsiedlung gelten.
Die alten wie neuen Landesherren in Ostmitteleuropa besaĂen zwar viel Land, dieses war jedoch in weiten Teilen nicht urbar gemacht und erbrachte somit kein Einkommen.cite-ref-6[6] Nachdem sich Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter als wenig effektiv erwiesen hatten,cite-ref-7[7] warben sie daher mit erheblichen Privilegien und Versprechen um freiwillige Neusiedler aus den alten Reichsgebieten. Beginnend in den Grenzmarken siedelten die FĂŒrsten Menschen aus dem Reich an, indem ihnen Landbesitz und verbesserte Rechtsstellung gewĂ€hrt wurden. Dazu gehörten verbindlich festgelegte Abgaben (statt unbemessener Verpflichtung), die aber zunĂ€chst in den ersten âFreijahrenâ nicht zu zahlen waren, und Vererbbarkeit des Hofes. Von den auf den ersten Blick weitgehenden VergĂŒnstigungen fĂŒr diese Bauern profitierten die Landbesitzer mit einer zeitlichen Verzögerung wiederum selbst, indem sie ĂŒberhaupt Einnahmen aus dem Land erzielen konnten, das zuvor brachgelegen hatte.
Die konkrete Anwerbung von Siedlern, die Verteilung des Landes und die Errichtung der Siedlungen ĂŒbertrugen die Landesherren im Regelfall an sogenannte Lokatoren. Diese oft dem niederen Adel oder StadtbĂŒrgertum entstammenden, oft vermögenden MĂ€nner organisierten berufsmĂ€Ăig die BesiedlungszĂŒge, angefangen von der Werbung ĂŒber AusrĂŒstung und Reise bis zur Rodung und Errichtung der neuen Siedlungen in der GrĂŒndungsphase. Rechte und Pflichten der Lokatoren und der Neusiedler wurden in einem Lokatorenvertrag geregelt.cite-ref-8[8]
Das Interesse der Landesherren an Neusiedlern bringt Stephan der Heilige (1000â1038) in seinem FĂŒrstenspiegel De institutione morum auf den Punkt, wo er seinen Sohn Imre mahnt:
âSo wie die Ansiedler aus verschiedenen LĂ€ndern und Provinzen kommen, ebenso bringen sie auch verschiedene Sprachen und Sitten, verschieden lehrreiche Dinge und Waffen mit sich, welche den königlichen Hof zieren und verherrlichen, die auswĂ€rtigen MĂ€chte aber erschrecken. Ein Land, das nur einerlei Sprache und einerlei Sitten hat, ist schwach und gebrechlich. Darum, mein Sohn, trage ich Dir auf, begegne ihnen und behandle sie anstĂ€ndig, damit sie bei Dir lieber weilen als anderswo.âcite-ref-9[9]
Dass der Werbung nicht selbstverstĂ€ndlich massenhaft gefolgt wurde, zeigen Ortsnamen der neuen Dörfer mit werbendem Charakter, z. B. Schönefeld/Schöneberg/Schönwalde, Rosenfelde/Rosenthal, Reichenbach/Reichenberg/Reichental u.Ă€.m. Nicht selten erhielten die neuen Siedlungen ihren Namen auch nach den Lokatoren selbst, z. B. gibt es in Sachsen eine Vielzahl an Orten namens Dittmarsdorf, Dittmannsdorf, Dittersdorf und Dittersbach, deren Name auf einen Lokator Di(e)thmar im 13. Jahrhundert zurĂŒckgeht.cite-ref-10[10]
Bevölkerung
Alteingesessene
Die slawischen Gebiete, auch östlich der Oder, hatten vor der Ostsiedlung im Vergleich zum Altsiedelgebiet eine niedrige Bevölkerungsdichte, die durch Angriffe des Ostfrankenreichs und Angriffe der Polen im FrĂŒh- und Hochmittelalter dezimiert wurde. Diese Gebiete waren unterschiedlich dicht von Westslawen wie Abodriten, Polen oder Tschechen bewohnt. Anderswo stellten sich zum Beispiel die Alpenslawen in Karantanien unter frĂ€nkische Oberhoheit, um Schutz vor den Awaren zu finden. Zwischen Elbe und Oder waren slawische Siedlungskammern, meistens in der Umgebung von FlĂŒssen oder anderen GewĂ€ssern, durch GrenzwĂ€lder voneinander getrennt. Die Gebiete des heutigen Ăsterreichs wurden bereits ab dem 6. Jahrhundert von Bajuwaren besiedelt. Zahlreiche kriegsgefangene Slawen wurden als Sklaven in den muslimischen Kulturraum verkauft. Der belgische Historiker Charles Verlinden nimmt an, dass diese Bevölkerungsverschiebung, die bis ins 14. Jahrhundert anhielt, einen bedeutsamen demographischen Faktor darstellt.cite-ref-12[12]
Das VerhĂ€ltnis von Neusiedlern und autochthoner Bevölkerung wurde gleichermaĂen von Konkurrenz und Kooperation geprĂ€gt. Der Chronist Otto von Freising etwa schrieb lobend ĂŒber den Reichtum und die Fruchtbarkeit Ungarns, fragte sich aber gleichzeitig, âwie ein so angenehmes Land solchen â Menschen wĂ€re zuviel gesagt â menschlichen Ungeheuern in die HĂ€nde fallenâ konnte.cite-ref-13[13]
In der Regel wurden die Rechte und Gewohnheiten der einheimischen Bevölkerung nicht beschnitten, da es genĂŒgend brachliegendes Land fĂŒr neue Ansiedlungen gab. Durch neue Techniken und Werkzeuge sowie die Möglichkeit, an den neuen Wirtschaftsweisen schrittweise teilzunehmen, ergaben sich fĂŒr lern- und assimilationsbereite Altsiedler auch neue Möglichkeiten und Anreize.
Allerdings wurden auch Einheimische vertrieben, um Platz fĂŒr Neusiedler zu schaffen. FĂŒr das Dorf Böbelin in Mecklenburg ist z. B. dokumentiert, dass vertriebene Wenden wiederholt das neubesiedelte Dorf ĂŒberfielen.cite-ref-14[14] Ausrottungsversuche sind aber nicht bekannt. Altsiedler wurden allenfalls aus finanziellen GrĂŒnden diskriminiert. Die Landesherren sahen die VerdrĂ€ngung der alteingesessenen Bevölkerung aufgrund der zu erwartenden deutlich höheren Einnahmen aus der Neubesiedlung als finanziellen Anreiz. Daher wurden Wenden, die sich am Landesausbau beteiligten, rasch assimiliert.
Kultur und Sprache der Altsiedler verschwand im Verlauf der Ostbesiedelung bis auf isolierte lĂ€ndliche Gebiete, wie die Enklaven der Drawehnopolaben im Wendland, der Sorben in der Lausitz und der Slowinzen Hinterpommerns. Die Kaschuben Pomerellens behielten eine Verbindung zum Polnischen, gefördert durch die jahrhundertelange Zugehörigkeit des PreuĂen Königlichen Anteils zum Königreich Polen. Kaschuben und Sorben konnten ihre Sprache und Kultur bis heute bewahren.
Aus Neusiedlern und Alteingesessenen zwischen Elbe und Oder formierten sich nach und nach die spĂ€ter so genannten âNeustĂ€mmeâ der Brandenburger, Mecklenburger, Obersachsen, Pommern, Schlesier, OstpreuĂen und andere. AuĂerdem ist auf die erfolgreiche Selbstbehauptung ursprĂŒnglich slawischer Herrschergeschlechter zu Mecklenburg oder Greifen zu verweisen, die bis in die Neuzeit und teilweise bis ins 20. Jahrhundert als Dynastien weiterregierten.
Neusiedler
Die meisten Neusiedler stammten aus dem Westen des Reiches (Flandern, Holland, Rheinland, Westfalen, auch Schwaben und Franken). Es gab verschiedene Motive, die alte Heimat zu verlassen: Zum einen wurden auf Grund des Erbrechts die landwirtschaftlichen FlĂ€chen zuhause immer kleinteiliger. Der gesamte Besitz musste unter allen mĂ€nnlichen Nachkommen aufgeteilt werden (Realteilung); damit sank der Ertrag pro Familie. Die Abgaben an die Grundherren blieben aber gleich, waren daher immer schwieriger zu leisten, weshalb viele Bauern kaum das Existenzminimum erreichten.cite-ref-15[15] Entsprechend attraktiv war die Möglichkeit, weitaus gröĂere AckerflĂ€chen im Osten zu bewirtschaften, die gemÀà den Versprechungen der Landesherren fruchtbar und reich an Tieren seien.cite-ref-16[16]
Die Siedlung nach Osten bedeutete auch einen Gewinn an persönlicher Freiheit. So konnten die Neusiedler zu ErbpĂ€chtern werden.cite-ref-17[17] Der im VerhĂ€ltnis Ă€uĂerst geringe Pachtbetrag und die freie Bewirtschaftung des Landes war im Westen so nicht bekannt. Solange der EigentĂŒmer keinen Schaden nahm, konnte der PĂ€chter sogar das Land verkaufen und im Erbfall sich seinen Nachfolger frei wĂ€hlen.cite-ref-18[18] Die BesitztĂŒmer mussten nun nicht mehr unter allen mĂ€nnlichen Nachkommen aufgeteilt werden, sondern konnten als Ganzes vererbt werden (Anerbenrecht).
Zu einer Auswanderung in die neuen Siedlungsgebiete im Osten ermutigten neben den gröĂeren AnbauflĂ€chen und dem groĂzĂŒgigeren Erbrecht auch viele weitere VergĂŒnstigungen. In den ersten Jahren ihrer Ansiedlung wurden die Siedler zum Beispiel vom Zehnt und sonstigen Abgaben befreit.cite-ref-19[19] Diese VergĂŒnstigungen (Freijahre) galten drei bis sieben Jahre oder bis das urbar zu machende Land ErtrĂ€ge abwarf. Der im Vergleich zur Heimat höhere Ertrag machte die dann anfallenden Abgaben zudem weniger drĂŒckend. Eine weitere Erleichterung waren die wegfallenden unbemessenen Frondienste wie z. B. Hilfe beim Kirchen- oder Burgenbau.cite-ref-20[20] Die Bauern konnten sich ganz auf die Landwirtschaft konzentrieren. Die Neusiedler wurden ebenfalls nicht zu Heerfahrten verpflichtet.cite-ref-21[21]
Durch diese VergĂŒnstigungen und die berufsmĂ€Ăige Organisation der Ostsiedlung durch die Landesherren setzten letztlich die groĂen BesiedlungszĂŒge ein, die das heutige Mittel- und Osteuropa erfolgreich erschlossen und bis heute strukturell und kulturell geprĂ€gt haben. Vergleichbare Projekte wurden spĂ€ter durch die Ansiedlung deutscher Bauern in Russland umgesetzt.
Sprachaustausch
Zu Sprachkontakten im Zug der Ostsiedlung kam es zwischen 1050 und 1600. Unter dem Begriff Sprachkontakt wird in der Linguistik die Ăbernahme von Lehnwörtern, Fremdwörtern und LehnĂŒbersetzungen verstanden. Es handelt sich in diesem Fall um eine Form des Sprachaustauschs zwischen dem Deutschen und den slawischen Sprachen, der ohne die Ostsiedlung unverstĂ€ndlich bleibt.cite-ref-22[22] Man unterscheidet dabei direkten und indirekten Sprachaustausch. Zum direkten Sprachaustausch kommt es durch unmittelbaren Kontakt zwischen Personen der verschiedenen Sprachgruppen. Hierunter kann der so genannte Nahkontakt zĂ€hlen, also der Austausch von Sprachelementen bedingt durch Zweisprachigkeit der Menschen, oder durch rĂ€umliche NĂ€he der Sprecher der jeweiligen Sprache. Fernkontakt hingegen ist die Ăbernahme von Worten in direktem Kontakt, der allerdings in der Ferne, also nicht in der unmittelbaren Heimat, sondern z. B. wĂ€hrend Handelsreisen oder politischen Gesandtschaften stattfand.cite-ref-23[23] Indirekter Sprachaustausch konnte durch verwandte Dialekte oder auch durch eine weitere Sprache, die als âVermittlerâ zwischen den beiden Sprachen stand, geschehen.
Beispiele
Die Ă€ltesten Zeugnisse fĂŒr die Ăbernahme von Benennungseinheiten sind Ă€lter als das Deutsche und z. B. das Tschechische oder Polnische. Sie stammen aus dem Urgermanischen und Urslawischen. Die urslawische Bezeichnung kŃnÄdzŃ ist in fast allen slawischen Sprachen wiederzufinden und ist das entlehnte germanische Wort kuninga, nhd. König. Aus dem Deutschen wurden vor allem Wörter in Slawische Sprachen vermittelt, die das Handwerk, Politik, Landwirtschaft und ErnĂ€hrung betrafen (Bsp. in Tabelle unten). Darunter fĂ€llt z. B. cihla, althd. ziegala, mhd. ziegel, was aus der Lautverschiebung des lat. tegula resultierte. Ein Beispiel fĂŒr Entlehnung aus dem slawischen in den germanischen Sprachgebrauch ist das Wort Grenze. So hieĂ es in mhd. grenize, was eine Entlehnung des alttschechischen granicÄ oder des polnischen granica ist. Auch StĂ€dtenamen sind von Sprachaustausch, Lautverschiebung und der zweiten Palatalisierung betroffen. So wird Regensburg auf Tschechisch Ćezno genannt, im Urslawischen RezŃno. Auf Grund des intensiven Sprachkontakts wurden auch Redewendungen ĂŒbertragen. Zwei Beispiele aus dem Tschechischen und Polnischen sind na vlastnĂ pÄst / na wĆasnÄ
rÄkÄ (âauf eigene Faustâ) oder auch ozbrojenĂœ po zuby / uzbrojony po zÄby (âbis an die ZĂ€hne bewaffnetâ), vergleichbar auf Ungarisch âsajĂĄt szakĂĄllĂĄraâ (auf eigenen Bart) und âĂĄllig felfegyverzettâ (bis aufs Kinn bewaffnet), mit verĂ€ndertem Wortlaut, jedoch mit der gleichen Bedeutung.
| Bereich der Entlehnung | Deutsch | Polnisch | Tschechisch [ 24 ] | Slowakisch | Ungarisch |
|---|---|---|---|---|---|
| Verwaltung | BĂŒrgermeister | burmistrz | purkmistr | richtĂĄr/burgmajster | polgĂĄrmester |
| Verwaltung | Markgraf | margrabia | markrabÄ | markgrĂłf | grĂłf |
| Verwaltung | Pfarre | fara | fara | fara | pap (pfaffe) |
| Verwaltung | Rathaus | ratusz | radnice | radnica | â |
| Rechtswesen | Urteil | â | ortel | ortieÄŸ | â |
| Handwerk | Klammer | klamra | kramle | â | â |
| Handwerk | Klempner | â | klempĂĆ | klampiar | kolompĂĄr |
| Handwerk | Maurer | murarz | â | murĂĄr | â |
| Handwerk | Dach | dach | â | dach (dialekt.) | â |
| Handwerk | Mörtel | zaprawa (malta) | malta | malta | malter |
| Handwerk | Ziegel | cegĆa | cihla | tehla | tĂ©gla |
| Handwerk | Pinsel | pÄdzel | â | â | pemzli |
| Handwerk | Stuck | stiuk | ĆĄtuk (dialekt.) | ĆĄtuk (dialekt.) | stukkĂł |
| Handwerk | Werkstatt | warsztat | â | â | â |
| Nahrung | Brezel | precel | preclĂk | praclĂk | perec |
| Nahrung | Zucker | cukier | cukr | cukor | cukor |
| Nahrung | Suppe | zupa | â | â | szĂłsz (sosse) |
| Nahrung | Ăl | olej | olej | olej | olaj |
| Landwirtschaft | Pflug | pĆug | pluh | pluh | eke (egge) |
| Landwirtschaft | MĂŒhle | mĆyn | mlĂœn | mlyn | malom (mahlen) |
| Landwirtschaft | Getreidespeicher | spichrz (spichlerz) | â | â | spejz |
| Handel | Fuhre | fura | fĆŻra | fĂșra | furik |
| Handel | Waage | waga | vĂĄha | vĂĄha | â |
| Handel | Jahrmarkt | jarmark | jarmark | jarmok | â |
| Tiere | Dorsch | dorsz | â | â | â |
| Tiere | Spitz | szpic | ĆĄpicl | ĆĄpic | â |
| andere | Brille | bryle (dialekt.) | brĂœle | brĂle (dialekt.) | â |
| andere | Flöte | flet | flétna | flauta | flóta |
| andere | Halde | haĆda | halda | halda | â |
| andere | Knopf | â | knoflĂk | knofÄŸa (dialekt.) | â |
| andere | mĂŒssen | musieÄ | muset | musieĆ„ | muszĂĄj(n) (muss sein) |
Ostwanderung der Dialektgrenzen
Durch die Ostsiedlung erweiterten sich auch die bestehenden deutschen Dialektgrenzen ostwĂ€rts, obwohl die âneuenâ Dialekte durch die Zusammensetzung der Siedlergemeinschaften, in die zum Teil auch die Wenden integriert wurden, leicht von den westlichen Dialektformen abwichen.
Ortsnamen
Da vielerorts die slawischen Flurnamen ĂŒbernommen wurden, stellen diese (in adaptierter und weiterentwickelter Form) einen sehr hohen Anteil der ostdeutschen Flur- und Ortsnamen. Erkennbar sind sie z. B. an Endungen auf -ow (bzw. eingedeutscht -au, wie in Spandau), -vitz oder -witz und teilweise -in. Manche Dörfer, zumeist jene, die auf Rodungsland oder sonst aus wilder Wurzel, das heiĂt gĂ€nzlich neu gegrĂŒndet wurden, erhielten deutsche Namen, die zum Beispiel auf -dorf oder -hagen endeten; auch der Name des Lokators oder der Herkunftsort der Siedler (Beispiel: Lichterfelde nach Lichtervelde in Flandern) konnte Teil des Ortsnamens werden. Manchmal wurden aber auch wendische Flurnamen ĂŒbernommen. Wurde eine deutsche neben einer wendischen Siedlung gegrĂŒndet, konnte der Name des Wendendorfes auch fĂŒr das deutsche Dorf ĂŒbernommen werden, die Unterscheidung erfolgte dann durch ZusĂ€tze (etwa Klein- oder Wendisch-/Windisch- fĂŒr das Wendendorf, GroĂ- oder Deutsch- fĂŒr das deutsche).
Techniktransfer
Im Zuge des Landesausbaus brachten die Neusiedler nicht nur ihre Sitten und ihre Sprache, sondern auch neue technische Fertigkeiten und GerÀte mit, die sich, insbesondere in der Landwirtschaft und im Handwerk, innerhalb weniger Jahrzehnte etablieren und durchsetzen konnten.
Deichbau und EntwÀsserung
Eine Bevölkerungsgruppe, die wesentlich zum Ausbau und der ErschlieĂung der LĂ€ndereien östlich der Elbe beitrug, waren die Siedler aus den flĂ€mischen und hollĂ€ndischen Gebieten entlang der NordseekĂŒste. Sie gehörten zu Beginn des 12. Jahrhunderts zu den ersten Einwanderern in Mecklenburg und zogen in den darauffolgenden Jahren immer weiter ostwĂ€rts bis nach Pommern und Schlesien und im SĂŒden bis nach Ungarn. Die Motive fĂŒr die groĂe Zahl der niederlĂ€ndischen Auswanderer waren vielfĂ€ltig. Neben dem Mangel an SiedlungsflĂ€chen in ihren bereits weitgehend erschlossenen Heimatgebieten waren mehrere Flutkatastrophen und Hungersnöte ausschlaggebend fĂŒr die Abwanderung aus der Heimat.
AuĂerdem waren sie aufgrund ihrer Erfahrungen und speziellen Fertigkeiten in der Errichtung von Deichen und in der EntwĂ€sserung und Trockenlegung von Marschland gefragte Experten fĂŒr die Besiedlung der noch unerschlossenen Gebiete östlich der Elbe. Die Trockenlegung des Landes erfolgte durch Anlage einer netzartigen Struktur von kleineren EntwĂ€sserungsgrĂ€ben, die das Wasser in HauptgrĂ€ben ableiteten. Entlang dieser HauptgrĂ€ben fĂŒhrten Verkehrswege, die die einzelnen Höfe der Siedler miteinander verbanden.cite-ref-25[25]
NiederlĂ€ndische Siedler wurden besonders ab der zweiten HĂ€lfte des 12. Jahrhunderts in groĂer Zahl von den örtlichen Landesherren angeworben. So gewĂ€hrte Albrecht der BĂ€r im Jahr 1159/60 niederlĂ€ndischen Siedlern das Recht, ehemalige Siedlungen der Slawen in Besitz zu nehmen. Der Prediger Helmold von Bosau berichtete hiervon in seiner Slawenchronik Chronica Slavorum, wenn er schrieb: âSchlieĂlich schickte er (Albrecht), als die Slawen allmĂ€hlich abnahmen, nach Utrecht und den Rheingegenden, ferner zu denen, die am Ozean wohnen und unter der Gewalt des Meeres zu leiden hatten, den HollĂ€ndern, SeelĂ€ndern und Flamen, zog von dort viel Volk herbei und lieĂ sie in den Burgen und Dörfern der Slawen wohnen.âcite-ref-26[26] Insbesondere das flĂ€mische Recht und die flĂ€mische Hufe wurden oftmals auch von anderen Siedlern ĂŒbernommen.cite-ref-27[27] Die gezielte Anwerbung von Flamen durch den Erzbischof von Magdeburg spiegelt sich im Namen des Höhenzugs FlĂ€ming.
AckerbaugerÀte
Schon vor der Neuansiedlung der westlichen Einwanderer wurde von den Slawen ein AckergerĂ€t zur Bestellung ihrer Felder genutzt. Der Ă€lteste aussagekrĂ€ftige Hinweis hierfĂŒr findet sich in der Slawenchronik, in der die Verwendung eines slawischen Pfluges als FlĂ€chenmaĂ erwĂ€hnt wird: âEin slawischer Pflug (Landes ist das, was) ein Paar Ochsen oder ein Pferd an einem Tage bearbeitet.âcite-ref-28[28]
In den SchriftstĂŒcken des 12. und 13. Jahrhunderts wurde fĂŒr dieses GerĂ€t vielfach die Begriffe Haken bzw. Hakenpflug verwendet. Die Funktionsweise des Hakens bestand darin, dass er die Erde an der OberflĂ€che aufriss und das Erdreich nach beiden Seiten verteilte, ohne es zu wenden. Er war daher besonders fĂŒr leichten und sandigen Untergrund geeignet.cite-ref-29[29] Ab Mitte des 13. Jahrhunderts setzte sich die von den westlichen Siedlern eingefĂŒhrte Dreifelderwirtschaft auch in den Gebieten östlich der Elbe endgĂŒltig durch, und zwar vor allem in den bisher unerschlossenen lehmhaltigen Böden. Die neue Art der Bewirtschaftung erforderte den Einsatz des schweren Wendepfluges.
Der Wendepflug bestand, anders als der Haken, aus mehreren Einzelteilen. Seine wichtigsten Teile waren das Sech, das Streichbrett und die Pflugschar. Im Gegensatz zu dem Haken, der bei schweren Böden einen weiteren Arbeitsvorgang in Querrichtung benötigte, um das Erdreich zu lösen, konnte der Wendepflug das Erdreich in nur einem Arbeitsvorgang tief aufgraben und nach einer Seite wenden.cite-ref-30[30]
Dieser Umstand wurde bei der Festsetzung der Abgaben berĂŒcksichtigt. So betrug die Belastung durch Zinsen und Zehnten fĂŒr die Bauern, die nach wie vor den Haken zur Bestellung ihrer Felder verwendeten, wegen der geringeren ErtrĂ€ge nur die HĂ€lfte der Abgaben der Nutzer des wirtschaftlicheren Wendepflugs.cite-ref-31[31]
Die unterschiedlichen Funktionsweisen beider GerĂ€te hatten auch Einfluss auf die Form und die GröĂe der AnbauflĂ€chen. So besaĂen die mit dem Haken bearbeiteten AckerflĂ€chen etwa die gleiche FeldlĂ€nge und -breite und hatten eine quadratische GrundflĂ€che, die schachbrettartig gepflĂŒgt wurde. FĂŒr den Wendepflug waren lange Felder mit rechteckiger GrundflĂ€che (Zelgen) wesentlich besser geeignet, da die schweren GerĂ€te seltener gewendet werden mussten.cite-ref-32[32] Neben der EinfĂŒhrung der neuen Produktionstechniken kam es auch zu einem Wandel in der Art der Bepflanzung durch den Anbau neuer Getreidearten, von denen sich der Hafer, in Brandenburg auch der Roggen, als die wichtigste Getreideart durchsetzte.cite-ref-33[33]
Töpfereihandwerk
Die Töpfer gehörten zu der ersten Gruppe von Handwerkern, die sich auch in den lĂ€ndlichen Gegenden niederlieĂen. Typisch fĂŒr die slawische Keramik waren StandbodengefĂ€Ăe. Mit dem Zuzug neuer Siedler aus dem Westen kamen neue GefĂ€Ăformen wie der Kugeltopf auf. Sie unterschieden sich auĂer in ihrem Aussehen auch in dem hĂ€rteren Brennverfahren von der bisherigen, im östlichen Mitteleuropa weit verbreiteten slawischen Keramik. Die als harte Grauware bezeichnete Art der Keramik trat ab Ende des 12. Jahrhunderts in den Gebieten östlich der Elbe vermehrt auf, zunĂ€chst erst noch in einer weicheren Variante. Sie wurde spĂ€testens im 13. Jahrhundert in Pommern flĂ€chendeckend hergestellt, als neue bzw. weiterentwickelte Herstellungsmethoden, wie der liegende Töpferofen eine massenhafte Produktion von keramischen Haushaltswaren ermöglichten.
Gleichzeitig stieg mit dem Fortschreiten des Landesausbaus der Bedarf fĂŒr Haushaltswaren wie Töpfe, Kannen, KrĂŒge und Schalen, die zuvor oftmals aus Holz (Daubenschale) gefertigt wurden, stetig an und förderte die Entwicklung neuer AbsatzmĂ€rkte.
Weitere Verfeinerungen in der Keramikherstellung des 13. Jahrhunderts waren das Aufkommen der glasierten Keramik und der zunehmende Import von Steinzeugwaren, sodass die slawische Keramik im Verlauf weniger Generationen vollstÀndig verdrÀngt wurde.cite-ref-34[34] Zur slawischen Keramik siehe auch: Keramik der Leipziger Gruppe
Der Transfer von Technik und Wissen wirkte sich in vielfĂ€ltiger Art auf die Lebensweise von Alt- und Neusiedlern aus und umfasste neben Neuerungen in der Landwirtschaft und im Handwerk auch noch andere Bereiche, wie zum Beispiel die Waffentechnik, das Urkunden- und das MĂŒnzwesen.
Architektur
Typus des Umgebindehauses
Die östlich der Elbe ansĂ€ssige slawische Bevölkerung (Sorben) baute vorrangig in Blockhausbauweise (SchrotholzhĂ€user), die sich in den regionalen Klimaten bewĂ€hrt hatte. Das hierfĂŒr viel benötigte Holz war in den kontinentalen Gefilden reichlich vorhanden. Die deutschen Siedler, hauptsĂ€chlich aus Franken und ThĂŒringen, die im 13. Jahrhundert in das Gebiet vorstieĂen, brachten das bereits den Germanen bekannte Fachwerk als holzsparende, stabile Bauweise mit. Diese ermöglichte es, auch mehrstöckige GebĂ€ude zu errichten. Eine Kombination der beiden Konstruktionsweisen war schwierig, da sich das horizontal gestapelte Holz der Blockstube in der Höhe anders ausdehnt als die senkrechten StĂ€nder des Fachwerks. Das Ergebnis war der neue Typus des Umgebindehauses mit einem um die Blockstube im Erdgeschoss herum gezimmerten Fachwerk, welches alleine das ebenfalls in Fachwerk ausgefĂŒhrte Obergeschoss trĂ€gt.
Dorfformen und Flursysteme
Auch in der Morphologie von Siedlungen und AckerflÀchen hat die Ostsiedlung typische Formen hervorgebracht.
Dorfformen
Typisch fĂŒr die hochmittelalterliche Ostsiedlung sind verschiedene Dorfformen wie zum Beispiel das StraĂendorf, das Angerdorf, der Rundling oder das Waldhufendorf. Diese Siedlungsformen wurden zum geringeren Teil aus dem Altsiedelgebiet ĂŒbertragen, zum gröĂeren Teil aber auch erst fĂŒr die Neusiedlungen entwickelt, um sich den geographischen Gegebenheiten ideal anzupassen. Bei den DorfgrĂŒndungen der deutschen Ostsiedlung handelte es sich um bewusste Eingriffe herrschaftlicher Instanzen. Die neuen Siedlungen wurden geplant und gesteuert, es handelte sich folglich nicht um unkoordinierte Einzelhandlungen. Bis zum 12. bzw. 13. Jahrhundert hatten sich im Altreich Einzelhöfe und Weiler zu mittelgroĂen Dörfern ohne PrĂ€gung durch Villikation entwickelt (âVerdorfungâ).cite-ref-35[35] Vorherrschend waren drei Arten der Flureinteilung in der Ostsiedlung: Breitstreifen, regelhafte Gewannflure mit Dreifelderwirtschaft und Waldhufensiedlungen. Ein Hufendorf (bzw. Reihendorf) entstand, wenn die Hufen in geschlossenen LĂ€ngsstreifen an die regelmĂ€Ăig aufgereihten Höfe angegliedert waren. Höfe im Abstand von jeweils 100 m fĂŒhrten zu langgestreckten Dörfern, den Waldhufensiedlungen. Es entstanden auch Sonderformen wie der Rundling und das Gassendorf. Die Entstehung des Rundlings lĂ€sst sich nicht eindeutig klĂ€ren, es ist aber relativ sicher, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem Zuzug deutscher Grundherren und dem Umstrukturierungsprozess slawischer Siedlungen in die neue Agrar- und Rechtsordnung verbunden ist.
Im mittleren Brandenburg entstanden auĂerdem regelhafte Anger- und StraĂendörfer mit Hufengewannfluren. Die Anlage von groĂen Planformen ist wahrscheinlich ein Zeichen fĂŒr die Auflösung slawischer Kleinsiedlungen und die Integration in die neuen Dörfer, oft als KossĂ€ten. Dies bedeutete jedoch keine gĂ€nzliche Aufhebung der zuvor bestehenden slawischen Kleinsiedlungen, die aber regelhafter umstrukturiert wurden. Die Siedlungsformen können desto deutlicher rĂ€umlich differenziert werden, je weiter man nach Osten schaut. BrĂŒche der Siedlungsformen in den Gebieten treten zum Beispiel durch Waldgebirge auf.cite-ref-36[36]
Forschungsmethoden
Im Zusammenhang mit der Untersuchung der Dorfformen in der Ostsiedlung sind neben der Steppenheidetheorie und Urlandschaftsforschung, der Altlandschafts- und Ortsnamenforschung und der geographischen WĂŒstungsforschung besonders zwei Methoden der Kartenauswertung zu nennen. Zum einen handelt es sich um die statisch-formale Katasterkartenauswertung. Erstmals wurde diese Methode von August Meitzen genutzt, der Flurkarten und KatasterplĂ€ne als Hilfsmittel fĂŒr Rechtsstreitigkeiten als Kommissar im preuĂischen Justizdienst nutzte. Allgemein ging man im 19. Jahrhundert davon aus, dass lĂ€ndliche Siedlungsformen Eigenschaften bestimmter kultureller Gruppen reprĂ€sentieren. Zum anderen ist die rĂŒckschreibende Katasterkartenauswertung von Bedeutung. Diese geht von der topographisch-genetischen Methode der Flurkarteninterpretation von Wilhelm MĂŒller-Wille aus, welche Bezug auf rĂ€umlich differenzierte Fluren nimmt, die nicht nur auf ungleichen ParzellenverbĂ€nden oder der Landverteilung von Sozialgruppen basieren. Auch die Entwicklungen einzelner Flurteile sowie natĂŒrliche UmstĂ€nde werden hier berĂŒcksichtigt. Wie weit eine Untersuchung ĂŒberhaupt möglich ist, basiert hauptsĂ€chlich auf der Quellenlage, der RegelmĂ€Ăigkeit einer Flur, der GröĂe von Gemengelage, dem Erbrecht und den Sozialstrukturen. Erst auf dieser Basis können die statisch-formale und topographisch-genetische Methode sowie die RĂŒckschreibung angewendet werden.cite-ref-37[37]
Kritik
Die UrsprĂŒnge der Dorfformen der deutschen Ostsiedlung und der slawische Einfluss darauf sind wenig hinterfragt und noch nicht ausreichend belegt worden. Die Annahme, dass die StraĂen-, Anger- und Waldhufendörfer in ihrer gesamten Struktur einfach aus den Altsiedelgebieten ĂŒbernommen wurden, wird inzwischen stark infragegestellt. FĂŒr diesen Forschungsansatz gilt es als wahrscheinlicher, dass sich diese Formen erst im Neusiedelgebiet voll entfaltet haben. Ebenso sollte davon ausgegangen werden, dass der Integrationsprozess der neuen Siedler ĂŒber einen Zeitraum mehrerer Generationen angedauert hat. Ein Defizit in der bisherigen Forschung liegt darĂŒber hinaus in der BeschrĂ€nkung der Untersuchung dieses Themenfeldes auf die Neusiedlungsgebiete. Laut Eike Gringmuth-Dallmer sollte versucht werden âdie VerhĂ€ltnisse in den Herkunfts- und den Ausbaugebieten direkt und komplex gegenĂŒberzustellenâ.cite-ref-38[38]
Flurtypen
Die Flurformen sind in hohem MaĂe charakteristisch fĂŒr die mittelalterliche Ostsiedlung. Unter einer Flur versteht man die agrarische NutzungsflĂ€che, welche einer Siedlung abzĂŒglich des Waldgebietes zur VerfĂŒgung steht. Die kleinsten Elemente einer Flur nennen sich Parzellen. Diese Parzellen haben unterschiedliche Formen und GröĂen. Mehrere Blöcke oder Streifen können sich zu einem Parzellenverband vereinen. GröĂere Flurbezirke werden auch als Zelgen bezeichnet.
In der Forschung werden unabhÀngig von der deutschen Ostsiedlung zwei grundlegende Flurformen unterschieden:
Blockflur
Die Blockflur besteht aus mehreren rechteckigen Parzellen oder Blöcken, wobei jeder einzelne Block einem unterschiedlichen Besitzer gehört. Man unterscheidet den arrondierten Besitz eines Betriebes (Einödlage) von der Verteilung von Parzellen ĂŒber verschiedene Fluren (Gemenglage) sowie GroĂ- und Kleinblöcke. Ein GroĂblock sollte sich mindestens ĂŒber eine FlĂ€che von 10 bis 15 Hektar erstrecken. Alles was darunter liegt wird als Kleinblock verstanden. Sowohl in Klein- als auch in GroĂblöcken wird jeweils noch zwischen regelmĂ€Ăigen und unregelmĂ€Ăigen Parzellen unterschieden. Das VerhĂ€ltnis von Breite zu LĂ€nge der Parzellen liegt bei Blockfluren unter 1:2,5.cite-ref-winfried-schenk-2011-39-0[39] Blockfluren, fĂŒr den Einsatz leichter HakenpflĂŒge geeignet, werden daher als Gebiete der slawischen Altsiedler verstanden.
Gewannflur
Die Gewannflur wird auch Streifenflur genannt. Der Ausdruck Gewann könnte vom Wenden des Pfluges herrĂŒhren, das wegen der hohen körperliche Anstrengung vermieden werden sollte und so zu den langen Flurstreifen fĂŒhrte. Dies erkennt man an den Feldern, die nur ca. 20 m breit, aber bis zu 150 m lang sind, weil die PflĂŒge ĂŒber lĂ€ngere Strecken nicht abgesetzt wurden. Setzten sich mehrere Gewanne zusammen, so spricht man von einer Gewannflur. Die einzelnen Gewanne wurden aufgrund des Erbrechts in immer kleinere Streifen geteilt.
Gewannflure gehen aus einer streifenförmigen Aufteilung der oben genannten Blöcken hervor. Das VerhĂ€ltnis von Breite zu LĂ€nge der Parzellen ist bei den Streifenfluren demzufolge ĂŒber 1:2,5.cite-ref-winfried-schenk-2011-39-1[39] Diese Flurform ist seit dem 8. bis 10. Jahrhundert zu beobachten, wird aber bis in die Neuzeit immer weiter ausgebaut. Im Kontext der Ostsiedlung diente sie als Indikator fĂŒr die Urbarmachung durch Neusiedler, weil der Einsatz der neuartigen PflĂŒge mit effizienteren Zugtieren bessere ErtrĂ€ge ermöglichte. Durch ihr höheres Gewicht bearbeiteten sie den Boden nicht nur oberflĂ€chlich, konnten allerdings nur mĂŒhsam gewendet werden und begĂŒnstigten so die Entstehung langer Flurstreifen.
VerÀnderung der StÀdte
Die Ostsiedlung verÀnderte aber nicht nur die dörflich-agrarische Lebenswelt, sondern hatte auch massive Auswirkungen auf die stÀdtischen Siedlungen Ostmitteleuropas.
StadtgrĂŒndungen
Der Landesausbau in der Germania Slavica war nicht nur mit Dorf-, sondern auch mit StadtgrĂŒndungen verbunden. Einerseits gab es bereits viele slawische BurgstĂ€dte (castra) wie z. B. LĂŒbeck, Brandenburg an der Havel oder Krakau, die bereits Herrschaftsmittelpunkte waren. Allerdings erfuhren diese durch gezielte Neuansiedlungen und Erweiterungen (locatio civitatis) vom Ende des 12. Jahrhunderts an substantielle ZuwĂ€chse. Auch die Ansiedlung eines Bischofssitzes, wie etwa in Havelberg, konnte zur Stadtentstehung fĂŒhren. Doch es wurden auch StĂ€dte aus dem Nichts (aus wilder Wurzel) gegrĂŒndet, wie z. B. Neubrandenburg. Wie bei den Dörfern kamen auch hier Lokatoren zum Einsatz. Charakteristisch sind fĂŒr die GrĂŒndungsstĂ€dte geometrische oder zumindest Planung erkennen lassende Grundrisse, wie etwa zwei HauptstraĂen als sich kreuzende Achsen und einen zentralen, oft rechteckigen Marktplatz. Gerade bei NeugrĂŒndungen lĂ€sst sich eine kombinierte Stadt- und Dorfsiedlung beobachten: Dörfer werden angelegt zur Erzielung von GetreideĂŒberschĂŒssen, die gleichzeitig einen stĂ€dtischen Sammelpunkt (oft auch in Form von oppida fĂŒr den Anschluss an den Handel) brauchen. Im Entstehen von DoppelstĂ€dten, die entsprechend Namen wie Neustadt oder Altstadt tragen, spiegeln sich unterschiedliche Siedlungsphasen und siedlungsleitende Herrschaften.cite-ref-40[40]
Rolle der Stadtrechte
Die Verleihung der Stadtrechte spielte im Zug der deutschen Ostsiedlung eine wichtige Rolle. Durch die Stadtrechte wurden die Bewohner eines festgelegten Raumes privilegiert, was neue Siedler anzog.cite-ref-41[41] Es wurde bereits bestehenden vorstĂ€dtischen Siedlungen mit Marktfunktion das formale Stadtrecht verliehen und diese dann umgebaut oder erweitert. Auch kleine, von Altsiedlern bewohnte Siedlungen kamen in den Genuss dieser Rechte. UnabhĂ€ngig von bereits vorhandenen vorstĂ€dtischen Siedlungen wurden Lokatoren beauftragt, StĂ€dte komplett neu zu grĂŒnden.cite-ref-bartlett-s-320-42-0[42] Im Vordergrund stand immer das Ziel, möglichst viele Menschen zu vorteilhafteren Rechtsbedingungen anzulocken, um neue, florierende Zentren zu schaffen.
Ausbreitung der deutschen Stadtrechte
Es gab eine Reihe von verschiedenen deutschen Stadtrechten bzw. Stadtrechtsfamilien. Die gröĂte Rolle bei der Ostsiedlung spielten dabei das Magdeburger und LĂŒbische Recht, welche immer wieder, oftmals in mehr oder weniger abgeĂ€nderter Form, als Vorbild fĂŒr neue StĂ€dte dienten. Weitere Stadtrechte, die regional von Bedeutung waren, sind u. a. das NĂŒrnberger Recht, das mecklenburgische Recht und das Recht von Iglau. Das LĂŒbische Recht hatte seine AnfĂ€nge in der Stadt LĂŒbeck bereits um 1188. Im 13. und 14. Jahrhundert diente es im gesamten See- und Handelsraum der Ostsee als Vorbild fĂŒr rund 100 StĂ€dte, darunter Rostock, Stralsund und Greifswald. AuĂerdem breitete es sich bis ins Baltikum aus (z. B. Reval und Narwa) und wurde in einigen wenigen StĂ€dten im Ordensland (z. B. Elbing) eingefĂŒhrt. Nach dem LĂŒbischen Recht lebten Anfang des 15. Jahrhunderts ca. 350.000 Menschen. Das Magdeburger Recht, welches zum Teil auf Privilegien des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg von 1188 zurĂŒckgeht, breitete sich zuerst in Brandenburg, Sachsen (z. B. Dresden und Leipzig) und in der Lausitz aus. SpĂ€ter wurden die Rechte, die auf dem Magdeburger Vorbild fuĂten (z. B. das Kulmer Recht und Neumarkter Recht), auch in weiteren Gebieten Ostmitteleuropas wie Schlesien, Polen, dem Ordensland, Böhmen und MĂ€hren eingefĂŒhrt, bis in die heutige Ukraine.cite-ref-43[43]
VerÀnderungen der Stadtrechtsfamilien in den neuen Siedlungsgebieten
Im Laufe der Zeit entwickelten sich weitverzweigte Stadtrechtsfamilien. Wenn z. B. das Magdeburger Recht auf eine Stadt ĂŒbertragen wurde, war es nicht ungewöhnlich, dass diese âTochterstadtâ im weiteren Verlauf ebenfalls als âMutterstadtâ fungierte (z. B. Berlin fĂŒr Frankfurt/Oder). Die Rechte wurden zum Teil mehr oder weniger stark abgeĂ€ndert. Diese Ănderungen konnten eine Reduzierung oder Erhöhung der BuĂgelder betreffen oder gar die UnabhĂ€ngigkeit von StĂ€dten begrenzen. So geschah es z. B. im Ordensland, wo der Deutsche Orden eine abgeĂ€nderte Form des Magdeburger Rechts, die Kulmer Handfeste, fĂŒr seine StĂ€dte bevorzugte, weil ihm das LĂŒbische Recht zu weit ging, was die UnabhĂ€ngigkeit der StĂ€dte anging.cite-ref-44[44] Magdeburg diente nicht nur als Vorbild fĂŒr viele StĂ€dte, sondern bei rechtlichen Problemen war die Stadt auch als Rechtsaufsicht tĂ€tig, das heiĂt, die TochterstĂ€dte wandten sich mit ihren Problemen an den Magdeburger Rat. Da bei der weitverzweigten Stadtrechtsfamilie nur ein Rat ĂŒberfordert und ineffektiv war, grĂŒndeten sich sogenannte Oberhöfe in den verschiedenen Gebieten, an die sich die StĂ€dte wenden konnten.cite-ref-45[45] In der lĂŒbischen Stadtrechtsfamilie waren die Verbindungen noch enger; dort diente bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts LĂŒbeck als Appellationsinstanz fĂŒr die TochterstĂ€dte.cite-ref-46[46] Landes- und Stadtherrn missfiel es oftmals, dass sich StĂ€dte in ihrem Einflussbereich an weit entfernte StĂ€dte wandten und von dort aus Recht gesprochen wurde. Sie hatten Angst, dass die Autonomiebestrebungen der StĂ€dte ihrem Herrschaftsanspruch zuwiderliefen, und gingen deshalb dagegen vor, hatten aber erst im SpĂ€tmittelalter damit gröĂere Erfolge.cite-ref-47[47]
Rechtliche Unterschiede zwischen Alt- und Neusiedlern
In einigen StĂ€dten im Osten, die zu deutschem Recht gegrĂŒndet wurden, hatten Alt- und Neusiedler die gleichen Rechte und Pflichten oder die Altsiedler bekamen sie im Laufe des 13. Jahrhunderts zugesprochen.cite-ref-48[48] In einigen polnischen Gebieten wurde es der einheimischen Landbevölkerung dagegen verboten, in die StĂ€dte zu ziehen, da die Landesherrn Angst davor hatten, ihre LandgĂŒter könnten entvölkert werden.cite-ref-49[49] Auch wurde Slawen in einigen StĂ€dten die BĂŒrgerrechte gĂ€nzlich verwehrt.cite-ref-50[50] Den gröĂten Unterschied zwischen Alt- und Neusiedlern kann man anhand der Rechtsprechung in den StĂ€dten feststellen. Deutsche Neusiedler waren in der Regel gegenĂŒber den einheimischen Altsiedlern im Vorteil. Dies machte sich vor allem bei der Festlegung von BuĂgeldern bemerkbar, so musste man z. B. fĂŒr eine Verwundung eines Esten nur ein Drittel der Summe zahlen, die bei Verwundung eines Deutschen fĂ€llig war.cite-ref-51[51] Auch bei den zu Gericht zulĂ€ssigen Sprachen gab es ethnische Ungleichbehandlung, so mussten z. B. Angeklagte beweisen, dass sie der deutschen Sprache nicht mĂ€chtig waren.cite-ref-52[52] In Breslau wurde 1329 sogar das Polnische vor Gericht gĂ€nzlich verboten.cite-ref-bartlett-s-320-42-1[42] Die einzigen Neusiedler, die ebenfalls systematisch benachteiligt wurden, waren die Juden, wie dies im Altsiedelgebiet ebenfalls ĂŒblich war. Robert Bartlett fasste die Situation in vielen StĂ€dten der damaligen Zeit wie folgt zusammen: âSoziale und ethnische Diskriminierung gingen in den Randgebieten Europas eine komplexe Symbiose ein, doch zeigt sich im Spiegel ethnischer Gesetzgebung eines ganz klar: wie die jeweiligen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse zwischen den einzelnen Volksgruppen beschaffen waren.âcite-ref-53[53]
VerÀnderung im religiösen Bereich
Die Christianisierung wurde von der katholischen Kirche in den slawischen LĂ€ndern teils vor, teils nach der Eroberung durch deutsche Territorialherren aufgenommen.cite-ref-54[54] Die heidnischen Religionen der Wenden sahen sich schon vor Beginn der Ostsiedlung, seit der Regierung Ottos I. und der GrĂŒndung von BistĂŒmern östlich der Elbe Christianisierungsversuchen ausgesetzt. Der Slawenaufstand von 983 warf diese BemĂŒhungen aber fĂŒr fast 200 Jahre zurĂŒck. Anders als die schon vor der Jahrtausendwende christianisierten Tschechen und Polen ging die Bekehrung der Elbslawen zum Christentum anfangs mit Gewalt einher. Die Missionierung der heidnischen slawischen Völker erfolgte dabei durchaus auch unter Anwendung von Zwangsmitteln, wobei diese durch das universale GeschichtsverstĂ€ndnis des Christentums legitimiert wurden. Dabei war der Kampf der christlichen Ritter im Land östlich von Elbe und Saale auch Teil der umfassenden mittelalterlichen Kreuzzugsbewegung.cite-ref-55[55] Der ab etwa 1150 einsetzende Zuzug von Neusiedlern fĂŒhrte zu einer christlichen Ăberformung der Gebiete zwischen Elbe und Oder. Einerseits errichteten die Neusiedler in ihren Dörfern Pfarrkirchen aus Holz, spĂ€ter aus Feldsteinen. Andererseits wurden auf heidnischen HeiligtĂŒmern GotteshĂ€user, wie die Brandenburger Marienkirche, und Klöster, wie die Zisterze Lehnin, errichtet. DarĂŒber hinaus ist vor allem den Zisterziensern immer wieder von kirchlichen Kreisen eine besondere Rolle (âRodeordenâ) zugeschrieben worden, die Glaubensverbreitung und Landesausbau kombinierte. Die unersetzlichen Verdienste der Zisterzienser lagen jedoch auf anderen Gebieten.
EuropÀischer Kontext und regionale Entwicklungen
Der Ausbau- und Intensivierungsprozess der deutschen Ostsiedlung ist kein Unikum in der mittelalterlichen Geschichte Europas. Vergleichbare PhĂ€nomene finden sich in allen Peripheriegebieten des ehemaligen karolingischen GroĂreichs, bspw. SĂŒdfrankreich und den angelsĂ€chsischen Königreichen oder Irland. Aber auch die Emigration der Walser aus dem Kanton Wallis (Schweiz) in zuvor schwach besiedelte bis unbewohnte TĂ€ler Oberitaliens, GraubĂŒndens und Vorarlbergs hatte zum Teil dieselben Voraussetzungen.
Die Entwicklung einzelner Regionen in dem geographisch nur schlecht abgrenzbaren Raum, der von der Ostsiedlung geprĂ€gt wurde, kann hier nicht skizziert werden. Siehe dazu: Nordmark / Mark Brandenburg; Pommern; Schlesien; Deutschordensstaat; Sachsen; Kleinpolen; Böhmen und MĂ€hren; Ăsterreich; Slowenien; Slowakei; SiebenbĂŒrgen; Moldawien. Ein groĂer Teil der deutschen Siedler im Donauraum wanderte nach Ungarn, allerdings erst nach dem Ende der osmanischen Herrschaft.
Endpunkte
Eine eindeutige Ursache fĂŒr das Ende der Ostsiedlung gibt es ebenso wenig wie einen klar definierten Endpunkt. Allerdings ist ein Erlahmen der Siedlungsbewegung um 1300 zu beobachten; im 14. Jahrhundert kommt es nur noch vereinzelt zu SiedlungsvorgĂ€ngen unter Beteiligung deutschsprachiger Kolonisten. Eine ErklĂ€rung fĂŒr das Ende der Ostsiedlung muss verschiedene Faktoren mit einbeziehen, ohne diese klar gewichten oder voneinander abgrenzen zu können: die Klimaverschlechterung ab ca. 1300 als Beginn der âKleinen Eiszeitâ, aber auch die spĂ€testens mit der Mitte des 14. Jahrhunderts einsetzende Agrarkrise des SpĂ€tmittelalters. Seit dem 14. Jahrhundert hat ein sprachlicher und sozialer Ausgleichs- und Assimilierungsprozess eingesetzt, durch den bis zum Beginn der Neuzeit der GroĂteil Pommerns, die nördlichen Teile PreuĂens, die Neumark, Schlesien links der Oder, die böhmisch-mĂ€hrischen Randgebiete, die Obersteiermark und KĂ€rnten bis auf kleine Reste deutsch-, das östliche Oberschlesien und das sĂŒdliche Kleinpolen wieder polnischsprachig wurden.cite-ref-irgang-3-1[3] Zusammen mit dem demographischen Einbruch durch die GroĂe Pest lassen sich tiefgreifende WĂŒstungsvorgĂ€nge nachweisen. Das Ende der Ostsiedlung wĂ€re, wenn sich hier ein klarer Zusammenhang belegen lieĂe, als Teil der Krise des 14. Jahrhunderts zu verstehen.
Begriffsgeschichte
Die Erforschung der mittelalterlichen Ostsiedlung durch die deutsche Geschichtswissenschaft hat im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert eingesetzt. Begrifflich ist die Entwicklung von âGermanisationâ bzw. âGermanisierung und (Ost-)Kolonisationâ bzw. âostdeutsche Kolonisationâ ĂŒber âdeutsche Ostexpansionâcite-ref-56[56] und âdeutsche Ostbewegungâcite-ref-57[57] zu âdeutsche Ostsiedlungâ oder âdeutschrechtliche Siedlungâ gegangen. Die slawische Historiographie ĂŒbernahm bis zur zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts das Schlagwort vom âdeutschen Drang nach Ostenâ. Aufgrund der Erkenntnis, dass in diesen Entwicklungsprozess neben deutschen auch andere mittel- und westeuropĂ€ische Siedler sowie die ansĂ€ssige Bevölkerung einbezogen worden sind, wird im Deutschen heute vornehmlich der Begriff âHochmittelalterliche Ostsiedlungâ benutzt, dagegen der Terminus âKolonisationâ, der in den meisten anderen Sprachen ĂŒblich ist, auĂer in Zusammensetzungen wie etwa âKolonisation zu deutschem Rechtâ oder âmittelalterlicher Landesausbau und Kolonisationâ wegen angeblich zu groĂer sprachlicher NĂ€he zum Kolonialismus der Neuzeit hĂ€ufig eher vermieden.cite-ref-irgang-3-2[3]
Nachwirkungen
Siehe auch: Ostflucht, Drang nach Osten
Die Kriege und Bevölkerungsverschiebungen des 20. Jahrhunderts verĂ€nderten die ethnische und kulturelle Zusammensetzung Mittel- und Osteuropas erheblich. So sollte durch die Vernichtung, Versklavung und Dezimierung der slawischen Bevölkerung im Rahmen des Generalplanes Ost und des Lebensraumkonzeptes des NS-Regimes gezielt Platz geschaffen werden fĂŒr sog. Volksdeutsche. Zudem versuchte das NS-Regime die nun völkisch interpretierte Ostkolonisation wiederzubeleben, diesmal mit einer Grenze am Ural, obwohl nicht annĂ€hernd genĂŒgend Siedler dafĂŒr zur VerfĂŒgung standen. Nach Kriegsende 1945 wurde mit der Errichtung der Oder-NeiĂe-Grenze und der Vertreibung der deutschen Bevölkerung dort die Ostsiedlung weitestgehend rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Nur die Ă€ltesten Kolonialgebiete aus dem 12. und frĂŒhen 13. Jahrhundert blieben in Sprache und Kultur deutsch. Diese liegen in den Gebieten des nach 1945 entstandenen Ostdeutschlands und eines Teils Ostösterreichs.
Forschungsgeschichte
Im 18. Jahrhundert fand die Geschichte der deutschen Ostsiedlung erstmals stĂ€rkere Beachtung. Mit dem Aufkommen des Nationalismus im 19. Jahrhundert entstand eine zunehmend ideologisierte Ostforschung, die ihren Höhepunkt in der Zwischenkriegszeit erreichte (siehe auch Volks- und Kulturbodenforschung). Die Ostsiedlung des Mittelalters, damals nahezu ausschlieĂlich als deutsche Ostkolonisation bezeichnet, wurde als eine Art Ersatz fĂŒr eine verpasste Ăberseeexpansion der âzu spĂ€t gekommenenâ Deutschen gedeutet. Nach der politisch-militĂ€rischen Katastrophe des Ersten Weltkrieges, die einerseits den kolonialen TrĂ€umen der Wilhelminischen Ăra ein Ende bereitet und andererseits die herrschende Klasse diskreditiert hatte, wurden das Deutschtum und das deutsche Volk an sich zur wichtigsten Identifikationsquelle. Völkisch-nationale Kreise sahen die Ostsiedlung als Vorbild und Legitimation fĂŒr einen neuen âDrang nach Ostenâ. Die Ideen von der rassischen Ăberlegenheit des deutschen Volkes und dem âdeutschen Drang nach Ostenâ haben Adolf Hitler und die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie maĂgeblich beeinflusst.
Die Ostforschung der Bundesrepublik Deutschland fĂŒhrte bis in die 1960er Jahre mit groĂer personeller und methodischer Ăbereinstimmung die vorangegangene Forschung fort. Sie wurde nun in den Dienst des Ost-West-Konflikts und der Vertriebenenproblematik gestellt. Der dezidiert nationale, wenn nicht gar nationalistische Blickwinkel auf die Ostsiedlung wurde erst durch Walter Schlesinger beendet, der 1975 die einschlĂ€gigen Referate der Reichenau-Tagungen des Konstanzer Arbeitskreises fĂŒr mittelalterliche Geschichte als Herausgeber zusammenfasste: Die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters als Problem der europĂ€ischen Geschichte. Erst das Ende des Kalten Krieges machte den Weg frei fĂŒr einen unbefangeneren Umgang mit Ostforschung und der deutschen Ostsiedlung, vor allem durch den vorurteilsfreieren fachlichen Austausch zwischen deutschen, polnischen und tschechischen Forschern.
Neuere ForschungsansĂ€tze sehen die hochmittelalterliche Ostsiedlung im gesamteuropĂ€ischen Zusammenhang: Neben Charles Higounet und Peter Erlen steht dafĂŒr auch Robert Bartlett mit seinem Werk The Making of Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change, 950â1350 (London 1993). FĂŒr die deutsche Taschenbuchausgabe (1998) wurde der dramatisierende Titel Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Eroberung, Kolonisation und kultureller Wandel von 950 bis 1350 gewĂ€hlt. Bartlett, Professor fĂŒr Geschichte des Mittelalters an der schottischen University of St. Andrews, vertritt (vereinfacht) folgende These: Durch das Mittelalterliche Klimaoptimum kommt es zu erhöhten ErnteertrĂ€gen und dadurch wiederum zu einem Bevölkerungszuwachs. Dieser âĂberdruckâ entlĂ€dt sich als Expansion zu den Peripherien Europas, wo die junge Generation der nicht erbberechtigten Söhne bessere Chancen zu finden hofft. Im Uhrzeigersinne handelt es sich um: Irland, Island/Grönland, das Baltikum, die LĂ€nder östlich der Elbe und Donau (Ostsiedlung), aber auch Spanien wĂ€hrend der Reconquista und das PalĂ€stina der KreuzzĂŒge.
Jedoch hatten schon auf dem Deutschen Historikertag 1932 in Göttingen polnische und tschechische Forscher die Geschichte Osteuropas als Geschichte seiner kulturellen EuropĂ€isierung aufgefasst: Die Anverwandlung der antiken Weltkultur in Form ihrer christlichen Nachfolgekulturen und deren Ausbreitung ĂŒber Europa wurden als das Charakteristische in der AusprĂ€gung des europĂ€ischen Geschichtsfeldes gedeutet. Damit lag der Akzent auf Verwestlichung, Angleichung und Akkulturation. Ausgangspunkt dieser Sichtweise war der fundamentale kulturregionale Gegensatz zwischen âAlteuropaâ (dem Gebiet des frĂŒheren Imperium Romanum und die von ihm kulturell stark geprĂ€gten Randbereiche) und âNeueuropaâ (das Gebiet jenseits von Rhein und Donau, das nie zum Römischen Reich gehört hat).cite-ref-58[58]
FĂŒr Klaus Zernack ist es unbezweifelbar, dass der Kulturausweitungsvorgang des mittelalterlichen Landesausbaus mit der hochmittelalterlichen Kolonisation Ostmitteleuropas im 12. und 13. Jahrhundert nach Umfang und IntensitĂ€t seinen Gipfel erreicht hat. Einer solchen Kulturausweitung bedurfte jedoch das gesamte nachantike Europa, um die Grundlage fĂŒr die eigentliche europĂ€ische Geschichte des zweiten nachchristlichen Jahrtausends zu gewinnen. Das Zusammentreffen der wirtschaftlichen Meliorisations- und Ausbaumöglichkeiten â von den nordwesteuropĂ€ischen Zentren nach Osten ausstrahlend â mit den Impulsen der oberitalienischen kommunalen Verfassungsentwicklung hat die Effizienz der groĂen West-Ost-Bewegung bewirkt, die ĂŒber die östlichen Markengebiete des Reiches bis weit in die östlichen, nordöstlichen und sĂŒdöstlichen NachbarlĂ€nder vordrang.cite-ref-59[59]
Seit dem Paradigmenwechsel in der Sichtweise der Ostsiedlung durch Walter Schlesinger haben sich durch geÀnderte ForschungsansÀtze wesentliche VerÀnderungen des Bildes von den SiedlungsvorgÀngen des 12. bis 14. Jahrhunderts in der Germania Slavica ergeben. Dazu zÀhlen insbesonderecite-ref-60[60]:
âą In den vornehmlich beteiligten LĂ€ndern (Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei) hat sich die jeweilige Forschung weitgehend von einer nationalistischen Betrachtungsweise frei gemacht und damit den Weg zu einer gemeinsamen Bearbeitung des Themas geebnet.
âą Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die SiedlungsvorgĂ€nge bestenfalls marginal als ethnisch zu begrĂŒnden sind, sondern ihre Ursachen in wirtschaftlichen, sozialen und machtpolitischen VerĂ€nderungen zu suchen sind. Die Tatsache einer umfangreichen Beteiligung slawischer Bevölkerung an den VorgĂ€ngen des Landesausbaus hat dazu gefĂŒhrt, dass der Begriff deutsche Ostsiedlung weitgehend durch die neutrale Formulierung hochmittelalterliche Ostsiedlung ersetzt wurde.
âą Vergleichbare Transformationsprozesse sind etwa gleichzeitig in weiten Teilen Europas nachweisbar und relativieren damit die Bedeutung der Ostsiedlung.
âą Die Ostsiedlung hat in weit stĂ€rkerem MaĂe als bisher angenommen Traditionen der alteingesessenen slawischen Bevölkerung aufgenommen.
⹠Die mit der Ostsiedlung zu verbindenden einschneidenden Neuerungen sind nur teilweise aus den Herkunftsgebieten der Siedler mitgebracht worden. Vielfach haben sie sich erst in den Ausbaugebieten entwickelt und voll ausgeprÀgt.
âą Das unzutreffende Bild von durchweg aus dem Westen mitgebrachten neuen VerhĂ€ltnissen und Kenntnissen ist vor allem darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass vielfach erst gar nicht versucht wurde, entsprechende VerhĂ€ltnisse in den Herkunftsgebieten der Siedler nachzuweisen.
Als Beispiel fĂŒr den Paradigmenwechsel siehe Art. Geschichtsbild der Mark Brandenburg.
Quellensammlungen in Ăbersetzung
âą Herbert Helbig, Lorenz Weinrich (Hrsg.): Urkunden und erzĂ€hlende Quellen zur deutschen Ostsiedlung im Mittelalter I. Mittel- und Norddeutschland. OstseekĂŒste. 3. verb. Aufl., Darmstadt 1984 (= AusgewĂ€hlte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Band 26a).
âą Herbert Helbig, Lorenz Weinrich (Hrsg.): Urkunden und erzĂ€hlende Quellen zur deutschen Ostsiedlung im Mittelalter II. Schlesien, Polen, Böhmen-MĂ€hren, Ăsterreich, Ungarn-SiebenbĂŒrgen. Darmstadt 1970 (= AusgewĂ€hlte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Band 26b).
âą Helmold von Bosau: Slawenchronik = Helmoldi Presbyteri Bozoviensis Chronica Slavorum. Neu ĂŒbertragen und erlĂ€utert von Heinz Stoob. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2., verb. Aufl., Darmstadt 1973 (= AusgewĂ€hlte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Bd. 19).
⹠Karl Quirin: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter. Göttingen 1986 (= Quellensammlungen zur Kulturgeschichte Bd. 2).
⹠Karl Dedecius und Andreas Lawaty: Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt (PDF; 18,9 MB).
Literatur
âą Robert Bartlett: Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Eroberung, Kolonisation und kultureller Wandel von 950 bis 1350. Knaur-TB 77321, MĂŒnchen 1998, ISBN 3-426-60639-9.
âą Sebastian Brather: Hochmittelalterliche Siedlungsentwicklung und ethnische IdentitĂ€ten â Slawen und Deutsche östlich der Elbe in archĂ€ologischer und siedlungsgeographischer Perspektive, in: Die bĂ€uerliche Ostsiedlung des Mittelalters in Nordostdeutschland. Untersuchungen zum Landesausbau des 12. bis 14. Jahrhunderts im lĂ€ndlichen Raum, Felix Biermann, GĂŒnter Mangelsdorf (Hrsg.), Lang, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-631-54117-3, S. 29â37.
âą Enno BĂŒnz: Die Rolle der NiederlĂ€nder in der Ostsiedlung. In: Enno BĂŒnz (Hrsg.): Ostsiedlung und Landesausbau in Sachsen. Die KĂŒhrener Urkunde von 1154 und ihr historisches Umfeld. Leipziger UniversitĂ€ts-Verlag, Leipzig 2008, S. 95â142.
âą Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. Cambridge 1988, ISBN 978-88-274-1481-1.
âą Werner Conze (BegrĂŒnder), Hartmut Boockmann, Norbert Conrads, Horst Glassl, Gert von Pistohlkors, Friedrich Prinz, Roderich Schmidt, GĂŒnter Schödl, Gerd Stricker, Arnold Suppan (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas, 10 Bde., mit einem Geleitwort von Wolf Jobst Siedler. Siedler Verlag 1999. DNB-Nachweis
âą Peter Erlen: EuropĂ€ischer Landesausbau und mittelalterliche deutsche Ostsiedlung. Ein struktureller Vergleich zwischen SĂŒdwestfrankreich, den Niederlanden und dem Ordensland PreuĂen. Marburg 1992.
âą Eike Gringmuth-Dallmer: Wendepflug und Planstadt? Forschungsprobleme der hochmittelalterlichen Ostsiedlung. In: Siedlungsforschung 20/2002, S. 239â255.
âą Friedrich-Wilhelm Henning: Deutsche Agrargeschichte des Mittelalters 9. bis 15. Jahrhundert, Stuttgart 1994.
âą Charles Higounet: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter. Siedler, Berlin 1986/2001, ISBN 3-88680-141-1.
âą Wilfried Krallert (Hrsg.): Atlas zur Geschichte der deutschen Ostsiedlung. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1958.
⹠Walter Kuhn: Vergleichende Untersuchungen zur Mittelalterlichen Ostsiedlung. Köln/Wien 1973.
âą Heiner LĂŒck, Matthias Puhle, Andreas Ranft (Hrsg.): Grundlagen fĂŒr ein neues Europa. Das Magdeburger und LĂŒbecker Recht in SpĂ€tmittelalter und FrĂŒher Neuzeit, Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2009, ISBN 978-3-412-12806-7 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen Anhalts, Band 6).
⹠Lutz Partenheimer: Die Entstehung der Mark Brandenburg. Mit einem lateinisch-deutschen Quellenanhang. 1. und 2. Auflage, Köln / Weimar / Wien 2007.
âą Manfred Raether: Polens deutsche Vergangenheit, 2004, ISBN 3-00-012451-9. Neuausgabe als E-Buch (Kindle-Version), 2012.
âą Andreas RĂŒther: Stadtrecht, Rechtszug, Rechtsbuch: Gerichtsbarkeit im östlichen Mitteleuropa seit dem 12. Jahrhundert. In: Klaus Herbers, Nikolas Jaspert (Hrsg.): GrenzrĂ€ume und GrenzĂŒberschreitungen im Vergleich. Der Osten und der Westen des mittelalterlichen Lateineuropa (= Europa im Mittelalter. Band 7). Konferenzschrift. Akademie-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-05-004155-1, S. 123â143.
âą Gabriele Schwarz: Lehrbuch der Allgemeinen Geographie. Allgemeine Siedlungsgeographie, Teil 1: Die lĂ€ndlichen Siedlungen. Die zwischen Land und Stadt stehenden Siedlungen, Berlin âŽ1988.
âą Robert MĂŒller-Sternberg: Deutsche Ostsiedlung, eine Bilanz fĂŒr Europa. 4. Auflage, Gieseking, Bielefeld 1975, ISBN 3-769-40033-X.
⹠Walter Schlesinger (Hrsg.): Die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters als Problem der europÀischen Geschichte (= VortrÀge und Forschungen 18), Sigmaringen 1975.
âą Klaus Dieter Schulz-Vobach: Die Deutschen im Osten. Vom Balkan bis Sibirien. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1989, ISBN 3-455-08331-5.
âą Klaus Zernack: PreuĂen â Deutschland â Polen. AufsĂ€tze zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. Herausgegeben von Wolfram Fischer und Michael MĂŒller, Berlin 1991.
Weblinks
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: Ostsiedlung
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â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Anmerkungen
cite-note-22. â Zur Begriffsgeschichte Christian LĂŒbke: Ostkolonisation, Ostsiedlung, Landesausbau im Mittelalter. Der ethnische und strukturelle Wandel östlich von Saale und Elbe im Blick der Neuzeit. In: Enno BĂŒnz (Hrsg.): Ostsiedlung und Landesausbau in Sachsen. Die KĂŒhrener Urkunde von 1154 und ihr historisches Umfeld. Leipziger UniversitĂ€ts-Verlag, Leipzig 2008, S. 467â484, insbesondere S. 479â484.
cite-note-irgang-33. â Winfried Irgang: Mittelalterlicher Landesausbau/Ostsiedlung. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Carl von Ossietzky UniversitĂ€t Oldenburg, 12. Juni 2012, abgerufen am 18. MĂ€rz 2021.
cite-note-44. â Robert Bartlett (siehe Literatur), S. 14 f, 213.
cite-note-55. â Werner Rösener: Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und lĂ€ndliche Gesellschaft im Mittelalter. MĂŒnchen 1992, S. 17.
cite-note-66. â Bartlett, S. 147 f.
cite-note-77. â Bartlett, S. 148
cite-note-88. â Higounet, S. 93
cite-note-99. â Corpus iuris Hungarici 1000â1526, S. Stephani I. Cap. 6)
cite-note-1010. â historisches Ortsverzeichnis Sachsen https://hov.isgv.de/Dittmannsdorf_(2), https://hov.isgv.de/Dittersdorf_(1), https://hov.isgv.de/Dittersbach_(2)
cite-note-1111. â Matthias Hardt, Hans K. Schulze: Altmark und Wendland als deutsch-slawische Kontaktzone. In: Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter. AusgewĂ€hlte AufsĂ€tze zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen-Anhalts. Bd. 5). Böhlau, Köln u. a. 2006, ISBN 3-412-15602-7, S. 91â92 (online auf Google Books).
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cite-note-4848. â Danuta Janicka: Zur Topographie der StĂ€dte des Magdeburger Rechts in Polen: das Beispiel Kulm und Thorn. In: Heiner LĂŒck u. a. (Hrsg.): Grundlagen fĂŒr ein neues Europa. Das Magdeburger und LĂŒbecker Recht in SpĂ€tmittelalter und FrĂŒher Neuzeit, Köln u. a. 2009 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen Anhalts 6), S. 67â81, hier S. 68.
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cite-note-5656. â Hans-Heinrich Nolte: âDrang nach Ostenâ â Sowjetische Geschichtsschreibung der deutschen Ostexpansion. Köln 1976, ISBN 3-434-20097-5, S. 13.
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cite-note-5858. â Klaus Zernack: Das Jahrtausend deutsch-polnischer Beziehungsgeschichte als geschichtswissenschaftliches Problemfeld und Forschungsaufgabe. In: Klaus Zernack, Wolfram Fischer (Hrsg.): PreuĂen â Deutschland â Polen. AufsĂ€tze zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. Duncker & Humblot, Berlin 1991, ISBN 3-428-07124-7, S. 3â42, hier S. 6 und 8.
cite-note-5959. â Klaus Zernack: Der hochmittelalterliche Landesausbau als Problem der Entwicklung Ostmitteleuropas. In: Ders.: PreuĂen â Deutschland â Polen. AufsĂ€tze zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, hrsg. v. Wolfram Fischer und Michael MĂŒller, Berlin 1991, S. 171â183, hier S. 201 f.
cite-note-6060. â Nach Eike Gringmuth-Dallmer, Jan KlĂĄpĆĄtÄ: ExposĂ© zum Publikationsprojekt Tradition â Umgestaltung â Innovation. Transformationsprozesse im hohen Mittelalter. Berlin, Prag 2009 (in Vorbereitung)